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Abb.: Dem engagierten Vortrag folgte eine lebhafte Debatte mit dem interessierten

„Bedingungsloses Grundeinkommen ist die Basis der Freiheit zur Arbeit“

16.7.2019


Am 11. Juli war Enno Schmidt, Mitbegründer der „Initiative Grundeinkommen“ in der Schweiz, Gastredner bei OIKOPOLIS am Dialog.

„Erst braucht man ein Einkommen, dann kann man arbeiten. So ist die Reihenfolge“. Denn laut Enno Schmidt ist Arbeit losgelöst von Einkommen zu denken: Einkommen ist nicht, wie es sich in vielen Köpfen hartnäckig hält, der Wert der Arbeit oder gar etwas, worüber der Mensch sich definiert. Einkommen ist nichts weniger als das Recht auf Leben, denn ohne ein Einkommen kann man nicht leben.

Da die menschliche Existenz nicht wirtschaftlichen Gesetzen oder Schwankungen unterliegen sollte, fordert Enno Schmidt ein rechtlich gesichertes Grundeinkommen für jeden Menschen. Er betrachtet das bedingungslose Grundeinkommen als einen Ausdruck bedingungsloser Wertschätzung gegenüber dem Menschen bzw. als eine Art „Willkommensgeschenk“ für jeden einzelnen in der Gesellschaft.

Arbeit ist demzufolge nichts, was getan werden muss, um zu überleben. Arbeit ist, so Schmidt, der Einsatz von Lebenszeit, um Dinge zu tun, die den eigenen Fähigkeiten und Interessen entsprechen und der persönlichen Selbstverwirklichung dienen. Dies bedeutet nicht, dass jeder nur auf sich schaut. Die Freiheit zur Arbeit, d.h. die Freiheit, ungehindert durch existenzielle Zwänge, über seine Zeit zu verfügen, gibt dem Menschen die Möglichkeit, Verantwortung für sich selbst sowie für andere zu übernehmen und die eigene Arbeit stärker in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Das Ergebnis ist ein Arbeitsmarkt, auf dem Arbeit keine käufliche Ware ist, sondern Arbeit„geber“ und -„nehmer“ auf Augenhöhe Formen der Zusammenarbeit eingehen, die auf Gegenseitigkeit und einer fairen Entlohnung beruhen. Es geht darum, menschliche Fertigkeiten zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen, während Prozesse, die kein menschliches Denken erfordern, gerne von Technik und Maschinen übernommen werden können.

Dass die Ideologie, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen zu müssen, kontraproduktiv ist, vergegenwärtigt die industrielle Landwirtschaft laut Schmidt besonders schmerzlich. Der finanzielle Druck auf die Bauern hat zu einer Rationalisierung geführt, die den Bedürfnissen von Tier und Boden nicht mehr gerecht wird. Landwirte sind prädestiniert dafür, deutlich zu machen, was Arbeit wirklich bedeutet: „Es ist Schwachsinn, Kühe zu rationalisieren (...) Rationalisierung hat ihre Grenzen am Lebendigen.“ Überall dort, wo mit Menschen, Tieren und Pflanzen gearbeitet wird – sei es in der Landwirtschaft, der Pflege oder der Bildung – bedeutet bessere Arbeit mehr Zeitaufwand, mehr Geduld, mehr Zuwendung und mehr Achtsamkeit.

Zur Person:

Anfang 2006 gründete Enno Schmidt zusammen mit dem Basler Unternehmer Daniel Häni die Initiative Grundeinkommen in der Schweiz, die im Juni 2016 zur nationalen Volksabstimmung kam und weltweite Aufmerksamkeit erhielt. Sein Film „Grundeinkommen – ein Kulturimpuls“ von 2008 erreichte 2 Millionen Zuschauer und wurde in 20 Sprachen übersetzt. Seit 2017 ist Schmidt als Ideengeber und Vortragender involviert in die Grundeinkommensbewegungen in Japan, Taiwan und den USA